Gutshof Groß-Weeden und seine historische Kulturlandschaft
- Kaum bekannt und wenig wertgeschätzt -
Das Gut Groß-Weeden gehört zur rund zwei Kilometer entfernten Gemeinde Rondeshagen – obwohl es seiner geografischen Lage nach eigentlich der unmittelbar angrenzenden Gemeinde Sierksrade zuzuordnen wäre. Diese Besonderheit ist historisch bedingt: Ursprünglich gehörte Groß-Weeden, eine Meierei umgeben von „großen Wiesen“, zu dem Rondeshagener Gut. Erst durch den Verkauf im Jahr 1802 entwickelte sich daraus ein eigenständiges Gut.
Die neuen Gutsbesitzer errichteten in den folgenden Jahren ein stattliches Gutshaus mit umfangreichen Wirtschaftsgebäuden und Verwalterhausgebäude, Tagelöhner Häusern, einer Schäferei sowie eine Ziegelei, die später zu einer Diskothek umgebaut wurde.
Der Grenzverlauf zwischen den beiden Gemeinden ist uneindeutig. Ein anschauliches Beispiel ist die Straße „Zum Roten Strumpf“ mittig in Sierksrade, die ihren Namen erhielt, weil die dort ehemals wohnhaften Ziegelleiarbeiter mit vom roten Ziegelstaub gefärbten Strümpfen nach Hause kamen. Auf Wunsch der Anwohner wurde diese Straße aufgrund ihrer Lage in Sierksrade im Jahr 2014 von Rondeshagen an Sierksrade verkauft.
Auch der ehemals bedeutende Bahnhof Groß-Weeden liegt auf Sierksrader Gebiet, an der heute zu einem Radweg umgebauten ehemaligen Bahnstrecke. Im sogenannten Friedhofswald befindet sich ein Kulturdenkmal: der gutseigene Friedhof, auf dem die Nachkommen der Gutsherren bestattet wurden. Große, kreisförmig angeordnete Feldsteine mit Inschriften erinnern eindrucksvoll an diese Zeit.
Durch mühevolle Kleinstarbeit und Bewirtschaftung unserer Vorfahren, wurde eine außergewöhnliche vielseitige und ökologisch wertvolle Kulturlandschaft geschaffen.
Die ehemaligen landwirtschaftlichen Flächen des Gutes Groß Weeden liegen in einer fruchtbaren, hügeligen Endmoränenlandschaft. Der einstige Wald wurde gerodet und zur Entwässerung der Flächen wurden Tondrainagen, die in der gutseigenen Ziegelei hergestellt wurden, verlegt. Noch heute entwässern Drainagen aus dem Jahre 1880, soweit sie nicht erneuert oder ergänzt werden mussten, die heutigen Ackerflächen.
Zahlreiche Mergelkuhlen und Baumhalballeen sogenannte „ Kulturerben“ -
prägen das Landschaftsbild
Die Mergelkuhlen – 13 kleine gesetzlich geschützte Kleinstbiotope - die sich in der Kulturlandschaft wunderschön einfügen, entstanden durch den Abbau von Mergel – einem Gemisch aus Ton, Schluff und Kalk – der früher als Dünger zur Bodenverbesserung genutzt wurde oder für das Brennen von Ziegeln verwendet wurde. War der Mergel aus den Böden durch Niederschläge ausgewaschen, sprach man von „ausgemergelten Böden“. Nach der Entnahme des Mergels dienten die Kuhlen den dort weidenden Kühen und Schafen als Tränke, heute profitieren Wildtiere, Kleintiere, Singvögel und Insekten davon.
Die mühevoll durch Handarbeit geschaffenen Mergelkuhlen geben seltene Bodenprofile und Gesteinsformationen frei, deshalb entwickelte sich hier eine besondere Pflanzenwelt. Ihre stille Schönheit bleibt der breiten Öffentlichkeit verborgen, da sie mittig im Acker gelegen, schwer zugänglich sind.
Halballeen aus Eichen und Linden
Rund um den ehemaligen Gutshof wurden ca. fünf Kilometer lange Halballeen aus Eichen und Linden gepflanzt. Sie dienten nicht nur repräsentativen und ästhetischen Zwecken, sondern auch der Orientierung. Auf den unbefestigten Wegen boten sie bei Nebel, Schnee und Dunkelheit wichtige Wegmarkierungen, schützten Mensch und Tier vor Wind und Regen und dienten als Handelswege dem Transport von wichtigen Gütern.
Heute sind diese Alleen ein bedeutender Lebensraum und Nahrungsquellen für Vögel, Insekten und Fledermäuse. Im Sommer bieten die Linden Habitate für die zahlreichen Fledermäuse, die hier leben. Die Lindenblüten bieten reichlich Pollen und Nektar für Bienen und andere Insekten wie u.a. Schmetterlingen, Schwebfliegen und Käfern
Mitten in dieser Kulturlandschaft befinden sich noch kleine,
fast unberührte Naturreservate : Der Eichenbruchwald und
der Kastorfer Mühlenbach
In dem sumpfigen Eichenbruchwald befinden sich mehrere Kleinstbiotope, wie wir sie sonst oft nur noch in Naturschutzgebieten finden. Hier leben Kranichpaare, die hier jährlich brüten.
Kastorfer Mühlenbach
Ein weiteres wenig bekanntes Naturschauspiel ist der Kastorfer Mühlenbach an der Kastorfer Straße in Richtung Bliestorf. Das Mühlenbachtal bildet einen Abschluss zu der außergewöhnlichen Kulturlandschaft und liegt versteckt in einem kleineren Waldstück. Jahrelang hat sich der BUND Lübeck dort für den Erhalt seltener Pflanzen (u.A. Knabenkraut) eingesetzt. Oft überschwemmt der Kastorfer Mühlenbach, die dortigen Wiesen, dann werden aus dem wiedervernässten Biestorfer Saal besonders viele Wasservögel angezogen.
Besonders schützenswerte Vogelarten wie Rotmilane
und sogar der Seeadler sind hier anzutreffen.
Vögel fühlen sich aufgrund der Topographie in dieser besonderen, abwechslungsreichen Kulturlandschaft sehr wohl und sind hier ständig auf Beutezügen. Im Herbst und Frühjahr herrscht dort ein ständiges Gekreische von den durchziehenden Kranichen, Wildgänsen, Singschwäne, Störchen die hier in nennenswerten Zahlen rasten. Die Kraniche, die nachts in den Gewässern vom Duvenseer Moor übernachten, sind tagsüber in unserer Kulturlandschaft auf Nahrungssuche. Weißstörche nutzen die Wiesen und Äcker zur Jagd, um die Jungen zu versorgen. Weitere gefährdete Arten wie Rebhuhn, Baumfalke und Neuntöter finden hier wertvolle Rückzugsräume.
Fazit
Unsere Kulturlandschaft in Groß-Weeden mit einem Herrenhaus im neubarocken Stil, gutseigenen Wirtschaftsgebäuden, einem ehemaligen Verwalterhaus und einstigen Tagelöhner Häusern, einem früher zugehörigen eigenen Bahnhof sowie einem gutseigenen Friedhof, 13 Naturdenkmälern (Mergelkuhlen), 5 km langen Halbbaumalleen, dem Kastorfer Mühlenbach, dem Bruchwald und mehreren anderen Naturkostbarkeiten, ist kaum bekannt und wenig wertgeschätzt. Aus unserer Sicht aber eine besonders wertvolle, vielseitige Kulturlandschaft mit einer vielfältigen Pflanzen- und Tierwelt. Sie ist in Jahrhunderten durch Kleinst- und Schwerstarbeit von unseren Vorfahren geschaffen worden und sollte in Zeiten, in denen die Natur nicht mehr so wichtig gesehen wird, wieder mehr Achtsamkeit und einen höheren Stellenwert erhalten.
Lebensraum Kulturlandschaft Groß-Weeden-Rondeshagen-Sierksrade-Kastorf und Biestorf
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